Von Humbughini bis Phantasianelli

Akkordeons- für viele der Inbegriff von Fußgängerzonenromantik, Shantychorbegleithupe wimmernden Volkstümeleien und einer in Deutschland weitverbreiteten Bewegung:
dem Akkordeonorchester über dessen Nährwert man sich sicherlich streiten kann....

Doch wie so oft bei oberflächlichen Eindrücken, auf den zweiten Blick entpuppt sich das Akkordeon als ein Musikinstrument mit viel Tiefgang, daß durch seine Vielseitigkeit nahezu in jeden Musikstil Einzug gehalten hat. Sicherlich hängt die Qualität des jeweiligen Vortrags unmittelbar vom Zustand des Akkordeons (Musikinstrument) und den Fähigkeiten des Musikers (beim Akkordeon heißt das "Akkordeonist", man sagt ja auch nicht Schlagzeugspieler oder Violinenspieler...) ab, doch genau das verhält sich mit jedem anderen Musikinstrument genauso.

Ich erfreue mich -auch wenn ich natürlich ganz eingefahrene musikalische Vorlieben habe-immer wieder an gut gemachter Musik. Das darf auch gerne volkstümlich sein und natürlich gibt es auch dort extreme Qualitätsunterschiede, was das ausführende Personal angeht.

Das Akkordeon eignet sich hervorragend für Jazz -Namen wie Richard Galliano, Art van Damme, Frank Marocco und Johnny Meyer sind allen Jazzern und Jazzliebhabern ein Begriff. Die französische Musettemusik, die weit mehr zu bieten hat als Triolen im Dreivierteltakt, ist schon Anfang des 20. Jahrhunderts von einigen Akkordeonisten auf ein sehr hohes musikalisches und spielerisches Niveau gebracht worden. In diesem Zusammenhang dürfen natürlich Gus Viseur, Tony Murena, Jo Privat, J. Colombo und Emile Vacher nicht unerwähnt bleiben.

Ein Name, der ebenfalls nicht fehlen darf ist meiner Ansicht nach Peter Michael Haas, der mit seinen sehr anschaulich gestalteten Bänden → "Spiel Akkordeon" und "Akkordeon Spiel" einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, wie man ein Akkordeon auch akkordeontypisch für unterschiedliche Musikstile einsetzen kann ohne der Musik oder dem Akkordeon Gewalt anzutun.

Auch die Klassik hat sicherlich mit dem Akkordeon (Bayan-, Converter- bzw. Konzert- Akkordeons) eine Bereicherung erfahren, denn viele Orgelwerke (Bach, Händel) und Cembalokompositionen lassen sich hervorragend auf dem Akkordeon interpretieren.

Natürlich muß sich der Akkordeonlaie dabei das als akkordeontypisch erachtete "Tremolo" wegdenken, denn tatsächlich ist das nur eine von vielen Akkordeon-klangfarben, die bei den meisten Konzertakkordeons ohnehin nicht zu finden ist.

Das Akkordeon ist -ähnlich wie das Saxophon- noch ein sehr junges Musikinstrument. Umso rasanter ist die technische Entwicklung wie auch die geographische Verbreitung vonstatten gegangen.

Die wachsenden Ansprüche der Musiker an die Akkordeon-Disposition -damit ist der Tonumfang im Diskant, im Baßteil bzw. Melodiebaß und die Anzahl der Klangfarben gemeint- haben einige sehr interessante Konstruktionen und Modifikationen hervorgebracht, die die musikalische Flexibilität des Akkordeons und die Ausdruckskraft entscheidend gesteigert haben.

Damit wären wir bei meinem Lieblingsthema: CASSOTTO

Cassotto bezieht sich immer auf den Diskant eines Akkordeons und wirkt wie ein Verstärker für einen bestimmten tonalen Bereich, der aber völlig ohne Strom auskommt. Das Geheimnis ist eine schachtartige Konstruktion, die bestimmte Frequenzen/Tonhöhen mittels Resonanz verstärkt und andere dämpft. Heraus kommt ein "grundtöniger" Klang, der im Volksmund gerne auch als "weich" oder sogar "dumpf" bezeichnet wird. Dadurch, daß aber tatsächlich der Dynamikbereich (das Lautstärkespektrum) vergrößert wird, erhöht sich auch die musikalische Verwertbarkeit. Und egal, wie man den Klang nun nennt -bei einem mit Cassotto und guten Stimmplatten bestückten Akkordeon "trägt"* der Ton einfach besser als bei einem Akkordeon ohne Cassotto.
*(wie weit man ein Akkordeon noch differenziert wahrnehmen kann in Abhängigkeit von der Entfernung. Hierbei spielen natürlich auch die räumlichen Gegebenheiten eine große Rolle).

Akkordeons, die mit Cassotto ausgestattet sind gehören gleich zu einer höheren Kategorie. Da der Bau deutlich aufwendiger ist, lassen es sich die ernsthafteren Akkordeonhersteller nicht nehmen auch gleich höherwertige Stimmplatten einzubauen. Das erklärt den meist recht deutlichen Preissprung von reinen Planfüllungsakkordeons zu Cassottoakkordeons.

Anders als bei einem Akkordeon mit Jalousie, Klappenverdeck o.ä. kann man beim Akkordeon mit Cassotto Cassottoklangfarben mit solchen außerhalb des Cassottos mischen: Grundtönig mit brilliant/obertonreich also. Diese "Mischklänge" sind besonders reizvoll und eben nur mit einem Cassottoakkordeon zu erzielen. Das liegt daran, daß immer nur bestimmte Chöre (maximal 2) im Cassottoschacht untergebracht sind und die 1-3 übrigen Chöre -wie bei jedem anderen Akkordeon auch- außerhalb des Cassottos liegen. Schließt man hingegen bei einem Akkordeon die Jalousie oder die Klappen eines Diskant-Verdecks, sind alle Chöre gleichermaßen betroffen -also entweder alle "dumpf" oder nicht.

Ein weiterer Meilenstein war, nach den bereits länger -in unterschiedlichen Bauformen- gebräuchlichen Melodiebaßakkordeons die Erfindung der Converter-Mechanik. Diese erlaubt ein in erster Linie für Melodiebaßspiel ausgelegtes Baßteil in ein Standardbaßteil umzuschalten. Lediglich die 2 Baßreihen (Grund- und Terzbaß) bleiben unverändert, die 4 Akkordreihen werden wahlweise in chromatische B- oder C-Griffanordnung umgeschaltet. Durch diese Neuerung stand dem "echten" polyphonen musizieren auf dem Akkordeon nichts mehr im Wege.

Beeindruckend ist auch der Tonumfang, den ein solches Akkordeon in Bayan-Bauweise zu bieten hat:

Wissenswertes

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